Pfadnavigation

Die Laute der Schulsprache: von ersten Herausforderungen hin zur Lektüre

Projektleitung
Dauer
10.2021 - 12.2022
Stichworte
Didaktik, Interaktion, Lernen, Erwerb, Lehren
Beschreibung

Zu Beginn der Schulpflicht sind die Kinder 5 Jahre alt und es wird erwartet, dass sie die mündlichen Grundlagen der Schulsprache (Französisch) beherrschen. In gewissen Quartieren sprechen jedoch 80% der Kinder der 1. Klasse (gemäss HarmoS) zu Hause eine andere Sprache und zwischen 60 und 70% verstehen kein Französisch. Der Erwerbsprozess phonologischer Repräsentationen (d.h. der Sprachlaute) des Französischen durch sog. «allophone» Schülerinnen und Schüler wurde, obwohl viele von ihnen in der Schweiz geboren sind, bisher kaum erforscht und ist Thema des vorliegenden Forschungsprojekts.

Das Projekt «Die Laute der Schulsprache» befasst sich mit zwei Aspekten, die beide für den Schulerfolg wichtige Etappen darstellen: die Beherrschung des Mündlichen und das Lesen lernen. In einem ersten Schritt soll besser verstanden werden, wie in der Schule der Erwerb des gesprochenen Französisch durch allophone Kinder erfolgt. Im Anschluss wird untersucht, inwieweit der Ansatz der Sprachsynthese (Text-to-Speech) Schwierigkeiten beim Leseverstehen mildern kann, die auf ungenügender Kenntnis des gesprochenen Französisch sowie des Zusammenhangs zwischen geschriebener und gesprochener Sprache beruhen. Das Projekt wird vom Forschungsfond zur Hundertjahrfeier der Universität Freiburg, dem Institut für Mehrsprachigkeit und der HEP|PH FR für die Durchführung von Piloterkundungen zu den beiden Etappen unterstützt. Diese erfolgen im Jahr 2022, um im Anschluss über die Weiterführung des Projekts zu befinden.

1. Projektteil: Die Laute des Französischen: erste Herausforderungen

In diesem Projektteil sollen der Rhythmus und die Merkmale des phonologischen Erwerbs bestimmt und die Kommunikationsstrategien fremdsprachlicher 5-Jähriger beim Eintritt in die obligatorische Schule beobachtet werden. Bis heute liegt für Französisch als Zweitsprache in der obligatorischen Schule noch keine Beschreibung des phonologischen Erwerbs oder von Interaktionen vor.

Gemäss heutigem Wissensstand ist nicht bekannt, ob der Erwerb phonologischer Repräsentationen dem von monolingual französischsprachigen Kindern ähnelt (McLeod, Sutton, Trudeau & Thordardottir, 2011). Studien, die mit einigen wenigen Schülern (n=2), die in einer französischsprachigen Schule in Schweden Französisch lernten, durchgeführt wurden (Splendido, 2014), scheinen zu zeigen, dass dies bei eng begrenzten sprachlichen Phänomenen der Fall sein könnte. In der vorliegenden Studie soll nicht nur die Anzahl der Teilnehmenden und die Anzahl der beobachteten Phänomene erhöht, sondern auch der Zusammenhang zwischen phonologischem und lexikalischem Erwerb besser verstanden werden. Zu diesem Zweck werden gesprochene Wörter auf phonemischer Ebene, auf Ebene ihrer Kollokationen sowie ihres Verwendungskontextes analysiert. Diese detaillierte Analyse wird durch eine Analyse der verbalen Interaktionen ergänzt.

Verbale Interaktionen in der Schule, sowohl während des Unterrichts als auch ausserhalb (Pausen, Klassenleben …) werden auf folgende Aspekte hin analysiert: Welche Sprachen verwenden fremdsprachige Kinder? Wer initiiert die verbalen Interaktionen, an denen sie teilhaben? An wie vielen Interaktionen sind sie im Laufe eines Morgens beteiligt? Welches Vokabular verwendet ein Kind? Die Literatur gibt dazu keine Hinweise.

Um erste Antworten auf diese Fragen zu erhalten, werden die mündlichen Produktionen von 10 Kindern der 5. Klasse (HarmoS) während eines Vor- resp. Nachmittags in der Schule im Abstand von 6 Wochen zweimal aufgezeichnet. Das Projekt könnte auf einen Zeitraum von drei Jahren ausgedehnt werden, um den Zusammenhang zwischen phonologischem Erwerb und dem Erwerb der Lesefähigkeit zu beobachten.

2. Projektteil: Nutzen der Sprachsynthese für die Unterstützung des Leseverständnisses

Nach vier Semestern Französischförderung setzen die fremdsprachigen Kinder ihre Schullaufbahn fort, selbst wenn sie nicht immer über funktionale mündliche Französischkompetenzen verfügen. Der Umfang ihres Wortschatzes ist bei zweisprachigen und fremdsprachigen Schülern tendenziell geringer (Bonvin, Vanhove, Berthele & Lambelet, 2018). Zudem schränkt der oft unvollständige Erwerb der phonologischen Repräsentationen des Französischen ihre Fähigkeit ein zu verstehen, was sie aus einem geschriebenen Text entschlüsseln können. Eine Metaanalyse von Jeon & Yamashita (2014) zeigt, dass die grössten sprachlichen Schwierigkeiten in der Zweitsprache die Syntax, das Vokabular und die Dekodierung betreffen. Genau diese drei Sprachfertigkeiten, die für den erfolgreichen Ablauf der Leseverstehensprozesse entscheidend sind, können durch die Sprachsynthese gestärkt werden.

Sprachsynthese ist ein technologisches Hilfsmittel, das die geschriebene Form eines Wortes in seinen Klangwert umwandelt. Ein solcher Zugang zum Klang von Wörtern scheint das Leseverständnis für Schüler mit Dyslexie oder für schlechte Leser zu begünstigen (Wood et al., 2018). Der erleichterte Zugang zum Klang erspart ihnen Schwierigkeiten beim Dekodieren und ermöglicht es ihnen, geschriebene Wörter zu erkennen, wenn sie ihre gesprochene Form kennen. Der Zugang zur mündlichen Form des geschriebenen Textes würde somit sein Verständnis erleichtern. Die Auswirkungen von Text-to-Speech wurden für fremdsprachige Schülerinnen und Schüler allerdings nicht evaluiert.

In diesem Projektteil wird untersucht, ob der Zugang zum Klang geschriebener Wörter durch Sprachsynthese das Leseverständnis und das Erlernen von Französisch als Schulsprache erleichtern kann. Zu diesem Zweck werden zwei Erhebungen durchgeführt. Erstens werden die Leistungen im Bereich Leseverständnis durch wiederholte Tests, nämlich (zweimal) mit und (einmal) ohne Sprachsynthese, anhand von drei Texten mit gleichem Niveau in Bezug auf lexikalische Vielfalt, Lesbarkeit und syntaktische Komplexität beurteilt. Es nehmen Kinder (n=18) einer 5. Primarschulklasse (HarmoS) teil, die als heterogen gilt, da 80% der Kinder zu Hause mindestens eine andere Sprache als Französisch sprechen. Zweitens wird in einer sechsmonatigen Forschungszusammenarbeit mit acht Schülern, zwei Lehrerpersonen für Französisch als Zweitsprache (FLS) und dem Forschungsteam von T. Geoffre (HEP|PH FR) untersucht, welche pädagogischen Massnahmen, die auf dem Einsatz von Sprachsynthese basieren, die Entwicklung des Leseverständnisses und das Erlernen anderer fachspezifischer Kenntnisse (Mathematik, Naturwissenschaften...) fördern können.

Références

Ziel - Erwartete Resultate

Die im ersten Projektteil «Die Laute des Französischen: erste Herausforderungen» gesammelten Erkenntnisse könnten zu einem besseren Verständnis des Rhythmus, der Etappen und des Ablaufs von mündlichem Spracherwerb führen. Darauf aufbauend könnten didaktische und pädagogische Materialien entwickelt werden, die besser auf die Bedürfnisse von fremdsprachigen Kindern eingehen und so den Übergang zum Lesen erleichtern.

Lesen ist eine zu beherrschende Fähigkeit, um eine normale Bildungslaufbahn zu absolvieren; doch ihr Erwerb ist schwierig, wenn die gesprochene Sprache nicht beherrscht wird. Der zweite Projektteil, «Nutzen der Sprachsynthese für die Unterstützung des Leseverständnisses», sollte Erkenntnisse beibringen, inwieweit die Sprachsynthese dazu beitragen kann, Schwierigkeiten beim Leseverstehen von Kindern mit unzureichender Entwicklung des gesprochenen Französisch zu überwinden. Im Anschluss sollten die langfristigen Auswirkungen der Verwendung von Sprachsynthese gemessen werden um festzustellen, ob sie dabei hilft, dem normalen Unterricht in einer inklusiven Regelklasse zu folgen.